Als ich klein war, habe ich viel Zeit bei meiner Oma verbracht. Nach der Schule habe ich dort zu Mittag gegessen und den Nachmittag verbracht, wir sind zusammen ein bis zweimal im Jahr in Urlaub gefahren und ich habe mehrmals die Woche bei ihr geschlafen, besonders nach Opas Tod.
War immer toll bei ihr – und abends habe ich bei ihr im alten Ehebett geschlafen, sie hat mir noch Geschichten erzählt und dann sind wir eingeschlafen. Naja, sie ist eingeschlafen. Wenn ich nicht schneller war als sie, wurde das für mich schwierig. Denn meine Oma hatte ein besonderes Talent: Durchdringend Schnarchen. So laut, dass die Legende geht, dass es noch im Nebenzimmer zu hören sei, bei geschlossener Tür und lauter Musik. Sagen zumindest meine Eltern. Ich fand das als kleines Mädchen extrem frustrierend, und wenn ich dann nicht mehr weiter wusste, weil die Minuten sich unter ihrem Schnarchen dehnten wie altes Kaugummi, habe ich oft angefangen laut zu weinen und zu rufen: “Oooooma, mach einen anderen Löwen!” Das wurde in meiner Familie fast schon zum geflügelten Wort.
Ich wünschte, gestern wäre das auch so leicht gegangen. Bis ca. 23 Uhr hatten Nils und ich das Zimmer für uns, und wir waren beide schon fast eingeschlafen. Naja, fast eben. Dann ging die Tür auf (nach mehrfachem vergeblichen Versuch, sie zu öffnen) und ein dicker Mann schwankte in den Raum, hantierte am Fenster rum, zog sich halb aus und kippte ins Bett.
Ich habe mich wieder umgedreht und gehofft, er schnarcht nicht. Zuerst hat er das auch nicht gemacht und ich habe mich gefreut. Als er dann anfing, habe ich einfach meinen MP3-Player lauter gedreht. (In Mehrbettzimmern schlafe ich immer mit Katie Melua auf den Ohren, und mittlerweile bin ich so sehr auf ihre Stimme konditioniert, dass sie bei mir wirkt wie ein Narkotikum. Wird die Dame vermutlich nicht gerne hören.) Irgendwann wurde es allerdings so laut, dass es selbst bei voller Lautstärke gestört hat – und immer wieder hatte der Herr auch noch Erstickungsanfälle, sodass wir jedes Mal halb befürchtet, halb gehofft haben, er würde jetzt einfach endgültig ruhig werden, für immer. Hätte den Vorteil gehabt, dass wir hätten schlafen können, den Nachteil, dass wir morgens die Probleme gehabt hätten, die sich so mit einer Leiche im Nebenbett ergeben. Nils und ich haben zwischen Kichern und Verzweiflung geschwankt und eine Stunde ausgeharrt.
Zu unserem Glück kam dann die Hostelchefin mit einem weiteren Schlafgast an, und auf unsere verzweifelten Bitten hin hat sie die Geräuschbelästigung in ein anderes Zimmer verfrachtet. Der neue Schlafgast hat noch versucht, mit uns ein Gespräch anzufangen, aber das haben wir schnell abgewürgt.
Heute ist der Schnarcher wieder bei uns eingezogen, wir sind daraufhin in ein anderes Zimmer gezogen.
P.S.: In diesen Mehrbettzimmer sieht man mehr von den Körpern seiner Zeitgenossen, als es dem guten Geschmack zuträglich ist.
