Gedanken, die man im Zug hat, sind häufig besonders intensiv, zumindest empfinde ich das so. Heute war ich ne Dreiviertelstunde allein im Zug unterwegs, hab Katie Melua gehört (prima Nachdenkmusik) und vor mich hin geträumt.
Hier in Australien kennt mich niemand länger als seit 10 Tagen. Alle Menschen, die mir wirklich nahe stehen, befinden sich in diesem Moment am anderen Seite dieser Welt, zu einer anderen Tages- und auch Jahreszeit. All diese Menschen haben ja eines gemeinsam: Sie haben ein Bild von mir. (Und nein, ich glaube nicht, dass sich die Welt um mich dreht. Aber meine dreht sich um mich, ich hab ja nur meine eigene Wahrnehmung.) Sie ordnen mir bestimmte Eigenschaften zu, und stecken mich irgendwie in Schubladen. Ich denke, das macht jeder Mensch – er ordnet jedem anderen, den er kennt, Eigenschaften zu. “Hans ist nett, spielt in seiner Freizeit Fußball und mag gerne Fleischwurst.” “Susi ist ne Zicke, sieht aber toll aus und kriegt jeden Kerl, den sie will.”
Das hat einen wichtigen Vorteil: Wir müssen nicht den ganzen Menschen sehen – denn wenn wir ehrlich sind, sehen wir uns nicht mal selbst “ganz”. Das würde einfach unseren Horizont sprengen. Wer kennt sich schon selbst richtig – geschweige denn die anderen?
So, jedenfalls funktioniert auf diese Weise aber auch die Fassade, die Menschen haben. Wenn mich meine Freunde für leicht verrückt halten, kann ich mich auch prima dahinter verstecken. Logisch?
Umgekehrt ist es natürlich auch nicht leicht, die Fassade wieder abzustreifen – man wird einfach immer wieder in die “verrückt”-Schublade zurückgesteckt, auch wenn man es vielleicht gar nicht unbedingt will. Also richtet man sich dahinter heimisch an.
(Jetzt stellt euch mal jemanden vor, der gar nicht weiß, wer er ist, aber ne ausgeprägt Fassade hat – das ist wirklich wie ne Hausfassade, hinter der jemand wohnt – nur fehlen die Zimmer. Bei schlechtem Wetter regnets rein – und der Mensch ist ja auch nicht gegen Krisen gefeit. Er versteckt sich verzweifelt hinter der Fassade, anstatt rauszugehen und sich nen Unterschlupf zu suchen.)
So, und jetzt kommt der Schluss:
Man hat mir die Fassade geklaut. Die hat einfach nicht ins Flugzeug gepasst, das galt als Übergepäck.
Und nun habe ich die ziemlich seltene Gelegenheit, mich wirklich mit mir selbst zu beschäftigen, und mir ein gutes, starkes Haus zu basteln. Die Werkzeuge sind ja da.
Das wird nicht leicht, aber ich freu mich drauf.
So, mal sehen, ob ihr mich für diesen Blogeintrag für verrückt erklärt *lach*
P.S.: Danke an eine hier nicht näher benannte Kölner Mathematikerin, die mir durch ihren letzten Kommentar wieder die Motivation geschenkt hat, mehr Blog zu schreiben!

Als würde ich dich jemals für verrückt erklären;-)
Ging mir ganz genau so wie dir. Du definierst dich mit einem mal neu. Naja nicht wirklich neu, aber die Leute haben erstmal keinerlei Erwartungen und nehmen dich einfach so wie du dich präsentierst. Und da kann man mal etwas rumspielen und brauch nicht den Balast an selbstgebauten Schubladen mit rumschleppen!
ich wünsch dir viele weitere Erkenntnisse!
oti
Liebe Ellen,
ich verfolge dein Leben in Australien sehr gerne. Zeigt es doch ganz viel von dir, deinem Leben und was dir wichtig ist.
Aber dieser Eintrag von dir über bröckelige Fassaden und dass du jetzt die Möglichkeit hast, dich selber kennen zu lernen, hat mich doch viel tiefer und persönlicher berührt, als all die anderen Einträge. Und nein, ich glaube nicht, dass du verrückt bist!
Ich wünsche dir ganz viele neue und wundervolle Erkenntnisse über dich selbst! Du bist eine starke Frau und du wirst es schaffen, deinem Ich ein neues Haus zu bauen, ein Haus, in dem auch “die Alte Ellen” noch Platz hat. Den nicht alles alte ist schlecht. Und das kann helfen, sich nicht ganz so in der Fremde und dem neuen zu verlieren. Versuch eine Balance zu finden und dann hat dein Haus ein gutes, stabiles Fundament!
Alles Liebe ans andere Ende der Erde, in mein geliebtes Australien.
Sophia
Hallo meine Sonne,
Oh Gott, ist wirklich schon ein halbes Jahr vergangen.Ich kannst kaum glauben. Ich freue mich über das, was Du schreibst. Es ist schön zu lesen. Ich fühle mit Dir und verstehe, hoffe ích. Du entwickelst Dich und erblühst immer wieder neu. Dazu gehören manchmal auch tränen.
Die bist aber nie allein, wie Du weisst.
Umarmung Detlef