“Sie müssen sich diesen Beruf so vorstellen: Sie sitzen auf einer Bank im Park und vergiften, wie üblich, die Tauben, da setzt sich eine junge Frau mit ihrem Kind neben Sie. Und Sie sagen: Junge Frau, so ein extrem hässliches Kind wie Ihres habe ich noch nie gesehen! – Das ist die Tragik meines Berufes, sie müssen den Leuten die Wahrheit sagen. Das ist nicht immer leicht.”
Wolfram Siebeck, über seinen Beruf als Restaurant-Kritiker, Stern Nr. 14/2008
Vor ein paar Tagen war ich mal wieder im Internet unterwegs (zur Abwechslung mal…) und habe dabei auf einem meiner Lieblingsblogs einen Eintrag zum Thema „Radical Honesty” gefunden.
Das Thema Wahrheit ist ein spannendes – und ein heikles. Wer von uns kann von sich schon behaupten, immer ehrlich zu sein?
Dazu eine Geschichte:
Zwei Menschen, nennen wir sie Paul und Nora, lernen sich kennen und verlieben sich. Sie verbringen viele Jahre gemeinsam, erleben Höhen und Tiefen, heiraten schließlich und haben sogar ein Kind.
Und irgendwann merken sie, dass ihnen die Liebe abhanden gekommen ist. Sie trennen sich und sind mittlerweile geschieden.
Soweit ist diese Geschichte eine ganz einfache, eine, die (leider) keine Seltenheit ist. Und was jetzt kommt, ist sicherlich auch kein Einzelfall:
Wenn Paul erzählt, was damals passiert ist, wenn er über die Gründe redet und wie er sich dabei gefühlt hat, ist diese Geschichte eine vollkommen andere, als wenn Nora davon erzählt. Selbst die Abfolge der Geschehnisse scheint verschieden. Die Geschichten scheinen einfach nicht zusammen zu passen – dabei lügt keiner von beiden.
Beide haben ihre eigene Wahrheit, so merkwürdig das scheinen mag. Sie glauben, was sie da erzählen – ihre jeweilige Version haben sie wirklich so erlebt, wie sie sie schildern.
Wie sehr auch immer wir versuchen mögen, immer ehrlich zu sein – häufig gelingt uns das nicht.
Gründe, die uns daran hindern, können die folgenden sein:
- Taktgefühl. Das oberste Zitat drückt das sehr schön aus, wie ich finde. Auch wenn die Frau ein sehr hässliches Kind hat, kann man sich diese Wahrheit getrost verkneifen, denn wem hilft es schon, wenn ich das jetzt ausspreche? Wahrheit sollte die Welt schöner machen, nicht unglücklicher, wie ich finde.
- Mangelnde Kenntnis der Wahrheit. Häufig kennt man eben nicht alle Umstände. Die Geschichte von Paul und Nora zeigt es – aus ihrer Sicht ist die jeweilige Geschichte natürlich wahr, aber keiner von beiden kennt die Gründe und Gedanken des anderen. Wüssten die beiden, wie der andere die Trennung und die vorhergehenden Ereignisse erlebt hat, was ihn zu den Handlungen und Äußerungen getrieben hat – wer weiß, wie sie dann gehandelt hätten, wer weiß, was sie heute erzählen würden.
- Umstände. Wenn ich auf Arbeit ein Telefonat annehme, das für meine Kollegin ist und sie gerade keine Zeit hat – soll ich dann genau das sagen, wenn ich weiß, dass das dem Anrufenden ziemlich egal ist? In dem Fall ist es einfacher, wenn ich mich an Halbwahrheiten halte – ich sage eben, dass sie gerade nicht an ihrem Schreibtisch ist, wenn sie danebensteht, sonst ist sie eben nicht verfügbar.
Naja, und manchmal lügen wir eben auch wirklich… Auch das wieder aus den verschiedensten Gründen. Spontan fallen mir der Versuch, Vorteile zu erlangen oder Nachteile zu vermeiden, die Angst vor Zurückweisung und die positivere Selbstdarstellung ein.
Nicht zuletzt gibt es ja auch die fatalste aller Lügen: Das Sich-Selbst-Belügen.
Damit man in einer Beziehung bleiben kann, die einen eigentlich schon lange nicht mehr glücklich macht. Damit man vor sich selbst entschuldigen kann, warum man diese oder jene Chance nicht genutzt hat. Damit man Fehler vor sich selbst vertreten kann, die man immer und immer wieder wiederholt.
Einfach, damit man ziemlich viel Scheiße bauen und dabei ein positives Selbstbild behalten kann.
Lügen erscheint auf den ersten Blick häufig leichter als die Wahrheit zu sagen – es erscheint als leichte Alternative, wenn die Konsequenzen der Wahrheit unbequem oder unangenehm wären. Und die erste Lüge ist tatsächlich einfach.
Aber die erste Lüge bleibt niemals alleine – sie zieht langsam, aber sicher ein ganzes Netz an Unwahrheiten nach sich.
Habt ihr schon einmal eine Beziehung gehabt, bei der man nicht von Anfang an vollkommen offen und ehrlich miteinander umgegangen ist? Bei der man nicht sofort klargestellt hat, dass man nicht damit klar kommt, wenn der andere immer zu spät kommt – und dass man nicht jeden Samstag mit Sportschau verbringen möchte? Bei der man vielleicht sogar behauptet hat, das ganz toll zu finden?
Aus dem Netz, das aus so etwas entsteht, kommt man meistens nicht ohne größeren Knatsch wieder hinaus – wenn man überhaupt heraus kommt, ohne die Beziehung zu zerstören.
Wir haben unseren Mund schließlich nicht nur, um Schokolade zu essen. Wir können damit auch reden!
Die „Kritik der praktischen Vernunft” von Immanuel Kant geht davon aus, dass alle Menschen vernunftbegabt sind – und auch vernünftig handeln können. (Das könnte man jetzt anzweifeln, ich lasse das mal.) Sein kategorischer Imperativ besagt:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”
Das bedeutet in Bezug auf die Lüge: Wenn wir einmal lügen, müssten wir eigentlich allen anderen Menschen zugestehen, immer zu lügen. Damit würde die Kommunikation aber vollkommen sinnlos – denn wenn jemand etwas zu uns sagt, müssen wir einfach davon ausgehen können, dass es stimmt.
Und wenn wir uns selbst belügen, ist das kein Stück besser.
Angenommen, wir sind Steuerbeamte und hassen unseren Job. Jeden Morgen kriegen wir schon vor dem Aufstehen Bauchschmerzen, am liebsten blieben wir gleich im Bett. Würden wir uns eingestehen, dass wir unsere Arbeit nicht ausstehen können, dass sie uns unglücklich macht, müssten wir eigentlich beginnen, nach einem Ausweg zu suchen.
Wir müssten dazu aber auch die Sicherheit unserer Arbeit verlassen – denn obwohl uns die Arbeit ein Gräuel ist, wissen wir doch, wie unsicher der Arbeitsmarkt ist, dass das Haus noch nicht abbezahlt ist und die Kinder studieren wollen.
Meine bisherige Lösung für solches Selbstbelügen ist die folgende:
Ich weiß, dass ich nur dieses eine Leben habe. Wenn ich das nicht nutze, bin ich prinzipiell selbst schuld, wenn ich unglücklich werde.
Ich habe bisher noch keine große Verantwortungen – keine Kinder, kaum Geld.
Aber ich habe auch schon ein Studium geschmissen, und ich habe eine langjährige Beziehung beendet. Ich musste mich entscheiden, ob die Art und Weise, in der ich meiner WG gelebt habe, überhaupt noch erträglich war – und so weiter und so fort. Derartige Entscheidungen haben auch vor meinem Verhältnis zu meiner Familie nicht halt gemacht.
All diese Sachen klingen jetzt nicht weltbewegend, aber immer musste ich aus einer liebgewonnenen Sicherheit heraus ins Unbekannte, ins Beängstigende. Allem waren Kämpfe vorausgegangen – und immer hatte ich zuvor versucht, zu ignorieren, dass es mir nicht gut ging.
Ich glaube fest daran, dass wir uns von uns selbst entfernen, wenn wir uns belügen. Und so ein Leben ist viel zu kurz und wertvoll für derartigen Blödsinn.
Dass das nicht immer einfach ist, weiß sogar schon ich mit meinem kurzen Lebensalter. Aber dennoch glaube ich, dass es das wert ist, wie ich beispielsweise daran merke, dass ich jetzt eine sehr ehrliche Beziehung habe, die um einiges glücklicher ist als alles, was ich bis dahin kannte.
Zum Abschluss noch zwei sehr nette Zitate zur Wahrheit.
“Mit der Wahrheit ist es wie mit einer stadtbekannten Hure. Jeder kennt sie, aber es ist peinlich, wenn man ihr auf der Straße begegnet.”
Wolfgang Borchert, „Draußen vor der Tür”, S.33
“Nun, die Wahrheit ist ein eigenartiges und recht seltenes Phänomen. In der Badewanne der Geschichte ähnelt sie einem Stück Seife, das man nur mit Mühe festhalten kann – vorausgesetzt, man findet es überhaupt.”
Terry Pratchett, „Der Zauberhut”

Ja, das ist so eine Sache mit der Wahrheit. Man muß ja niemanden von sich aus sagen, dass das Kind häßlich ist. Man kann ja ehrlich antworten, wenn man danach gefragt wird.